Am Abend kehrte ich in meine Wohnung zurück. Sie hatte mir bereits gehört, bevor ich Markus Gross geheiratet hatte, und rechtlich konnte er daran nicht den geringsten Anspruch geltend machen. Kaum hatte ich die Tür aufgeschlossen, schlug mir der würzige Duft teurer gebackener Sushi-Rollen und Sojasoße entgegen. Offenbar hatte die Familie beschlossen, ihre wundersame Befreiung von sämtlichen Geldsorgen mit einem üppigen Abendessen zu feiern. Aus dem Wohnzimmer drangen Markus’ lautes, dröhnendes Lachen und die Geräusche des laufenden Fernsehers. Seine drei großen Reisetaschen, die ich in meiner Mittagspause ohne Eile gepackt hatte, standen ordentlich verstaut ganz hinten in der geräumigen Garderobe.
Ich zog Mantel und Schuhe aus, wusch mir die Hände und ging ins Wohnzimmer. Markus lag breit und selbstzufrieden auf dem weichen Sofa, als gehöre ihm die Welt, und schob sich gerade eine weitere große Rolle in den Mund. Frieda Schröder blätterte in einem glänzenden Modekatalog, während Antonia Schubert auf dem Tablet nach Reisen zu exotischen Inseln suchte. Wahrscheinlich plante sie bereits, ihre vermeintliche Rettung gebührend zu begießen.
„Ah, Laura Krüger ist da! Unsere Retterin!“ Frieda setzte ein zuckersüßes, unechtes Lächeln auf und legte den Katalog beiseite. „Na? Alles erledigt? Hast du das Geld überwiesen?“
„Erledigt“, antwortete ich mit vollkommen ruhiger, gleichmäßiger Stimme und warf den dicken weißen Umschlag auf den gläsernen Couchtisch. „Alle Kredite sind vollständig abgelöst. Die Gläubiger werden euch nicht länger belästigen.“
„Was für eine Erleichterung! Endlich eine gute Nachricht!“ Markus ließ sich entspannt gegen die Sofalehne sinken und wischte sich die Finger an einer Serviette ab. „Ich hab’s dir doch gesagt, Mama. Laura Krüger würde nicht stur bleiben. Das Haus auf dem Land ist ihr viel wichtiger als irgendwelche Prinzipien.“
„Ja, dieses Haus ist mir tatsächlich sehr wichtig“, sagte ich und ließ mich elegant in den Sessel ihnen gegenüber sinken. Dabei beobachtete ich jede noch so kleine Veränderung in ihren Gesichtern. „Genau deshalb werde ich es auch niemandem überlassen. Genauso wenig wie mein Geld. Lies das, Markus. In dem Umschlag liegen Kopien der Unterlagen für dich. Mach dich damit vertraut.“
Träge und ohne echtes Interesse streckte mein Mann die Hand nach dem Umschlag aus. Er zog die festen Papierbögen heraus und schlug die erste Seite auf. Seine Augen glitten zunächst gelangweilt, dann immer schneller über die gedruckten Zeilen. Ich konnte förmlich zusehen, wie ihm die Maske vom Gesicht fiel. Die gespielte Gelassenheit verschwand innerhalb eines Atemzugs. Seine Augenbrauen wanderten nach oben, und sein Mund öffnete sich vor ungläubigem Staunen.
„Abtretungsvertrag der Forderungsrechte?“, brachte er mit rauer, gepresster Stimme hervor. Langsam hob er den Blick, völlig aus der Fassung. „Als neue Gläubigerin stehst dort … du?“
„Was steht da, Markus? Gib her!“ Frieda riss ihrem erstarrten Sohn ungeduldig die Blätter aus der Hand. Je weiter sie las, desto grauer wurde ihr Gesicht. Antonia blieb mit dem Tablet in den Händen wie eingefroren sitzen und sah verständnislos von ihrem Bruder zu ihrer Mutter und wieder zurück.