Markus öffnete den Mund, als wolle er einen neuen Angriff starten. Er hob die Hände, machte eine abwehrende, zugleich drohende Bewegung, suchte nach Worten, die noch irgendetwas hätten verändern können. Doch selbst ihm wurde in diesem Moment klar, dass Beschimpfungen gegen gerichtliche Beschlüsse nichts ausrichten. Gegen Aktenzeichen, Anträge und unterschriebene Verfügungen kam seine gewohnte Lautstärke nicht an.
Frieda Schröder lief hektisch um ihren Sohn herum, als könne sie ihn mit ihren Klagen vor der Realität abschirmen. Sie jammerte über die Ungerechtigkeit der Welt, über kaltherzige Frauen, über Undankbarkeit und Verrat. Antonia presste ihr Telefon so fest in der Hand zusammen, dass ihre Knöchel weiß hervortraten, und versuchte, irgendjemanden aus ihrem Bekanntenkreis zu erreichen. Offenbar hoffte sie noch immer, irgendwo Hilfe, Rat oder wenigstens Mitleid zu finden.
Doch am Ende blieb ihnen nichts anderes übrig. Schweigend, mit zusammengepressten Lippen und gesenkten Blicken, zogen sie ihre Jacken an. Markus griff nach den schweren Reisetaschen, Antonia nahm eine kleinere Tasche und Frieda Schröder stützte sich theatralisch an der Wand ab, als sei nicht sie eine Beteiligte dieser Farce, sondern ihr unschuldiges Opfer. Schritt für Schritt verschwanden sie im Hausflur.
Als die Wohnungstür ins Schloss fiel, klang das leise Klicken endgültiger als jeder Streit zuvor. Neunzehn Jahre Ehe wurden in diesem einen Geräusch abgeschlossen.
Am folgenden Tag vibrierte mein Telefon fast ununterbrochen. Markus schickte eine Nachricht nach der anderen. Mal drohte er mit Gegenklagen, mit Anzeigen, mit „ernsten Konsequenzen“. Dann wieder wechselte er plötzlich den Ton, bat um ein Gespräch, flehte beinahe, ich solle die Klage zurückziehen und wir könnten doch „wie vernünftige Menschen“ alles friedlich regeln. Ich las nur die ersten Zeilen, dann setzte ich seine Nummer auf die Sperrliste. Weitere Erklärungen schuldete ich ihm nicht.
Lukas Lange hatte unterdessen bereits alles in die Wege geleitet: das Scheidungsverfahren, die Vermögensaufteilung, die Sicherung meiner Ansprüche. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, nicht mehr im Nebel zu stehen, sondern auf festem Boden.
Unsere gemeinsamen Bekannten reagierten, als die Einzelheiten bekannt wurden, sehr unterschiedlich. Einige stellten sich ohne Zögern auf meine Seite. Sie sagten, ich hätte endlich erwachsen und konsequent gehandelt und Menschen gestoppt, die sich viel zu lange daran gewöhnt hatten, bequem auf meine Kosten zu leben. Andere tuschelten hinter meinem Rücken. Für sie war ich plötzlich berechnend, zu hart, fast grausam — eine Frau, die ehemalige Angehörige mit gesperrten Karten und gewaltigen Schulden zurückgelassen hatte.
Vielleicht klingt mein Vorgehen streng. Vielleicht sogar unerbittlich. Aber wie soll man mit Menschen verhandeln, die in einem nicht mehr sehen als eine bequeme Geldquelle für ihre endlosen Schwierigkeiten? Wer Erpressung mit familiärer Nähe verwechselt, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann nicht mehr Gefühle antworten, sondern das Gesetz.
Ich holte mir in aller Ruhe meinen Laptop, öffnete mein professionelles Planungsprogramm und begann, mit unerwarteter Freude den Entwurf für eine neue, großzügige Gartenlaube an meinem geliebten Ferienhaus zu gestalten.