„Ach, Sie sind also auch hier“, sagte sie schließlich. „Nun ja, ein Fest ist eben ein Fest.“
Laura presste die Zähne zusammen. Da war er bereits, der erste Stich.
Am Tisch setzte sich Christina ohne zu fragen an den Platz, der eigentlich dem Geburtstagskind zugedacht war. Daniel widersprach nicht. Er war es gewohnt, seiner Mutter nachzugeben, besonders vor anderen.
„Also, trinken wir auf meinen Sohn!“ Christina hob ihr Glas mit großer Geste. „Darauf, dass sein Leben endlich leichter und glücklicher wird!“
Laura sah sie aufmerksam an. „Ein merkwürdiger Trinkspruch. Hat Daniel es denn im Moment so schwer?“
Christina wandte den Blick zu ihrer Schwiegertochter. Ihre Gereiztheit war kaum verborgen.
„Wenn ein Mann zwei Familien auf seinen Schultern trägt, ist das nie einfach.“
Simon hob leicht den Kopf. „Zwei Familien?“
„Na selbstverständlich“, mischte sich Julia ein. „Daniel kümmert sich doch um uns und um euch gleich mit. Kein Wunder, dass er unter so einer Last irgendwann müde wird.“
Laura spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Ihre Eltern wechselten nur einen kurzen, stummen Blick. Maria legte ihre Gabel vorsichtig auf den Teller, als könne eine zu heftige Bewegung die Situation endgültig zum Explodieren bringen.
„Verzeihen Sie“, sagte Simon ruhig, „aber wir haben Daniel nie um Geld gebeten.“
„Ach, tun Sie doch nicht so“, winkte Christina ab. „Wir wissen doch alle, wie es läuft. Laura saß zwei Jahre mit dem Kind zu Hause — wer hat die Familie ernährt? Daniel! Und Sie kommen zu Besuch, bringen irgendwelche kleinen Geschenke mit, die kaum etwas kosten, und essen und trinken dann auf Daniels Rechnung.“
„Mama!“ Daniel versuchte einzugreifen, doch seine Stimme klang unsicher und schwach.
„Was heißt hier Mama?“ Christina wurde lauter. „Ich sage nur, was wahr ist! Julia und ich haben wenigstens unsere Rente und kommen allein zurecht. Aber diese feinen Gebildeten hier haben sich ihr Leben lang auf Kosten anderer bequem gemacht.“
Simon wurde blass. Er hatte sein ganzes Leben gearbeitet, ehrlich verdient, seine Tochter großgezogen und niemals jemanden um Unterstützung gebeten. Diese Worte trafen ihn härter, als er zeigen wollte.
„Christina“, begann er, doch Maria legte ihm sanft die Hand auf die Schulter.
„Lass gut sein, Simon“, sagte sie leise. „Wir gehen.“
Lauras Eltern erhoben sich vom Tisch. Simon sah Daniel noch einmal an.
„Daniel, noch einmal alles Gute zum Geburtstag. Machen Sie es gut.“
„Simon, warten Sie doch…“, setzte Daniel an, aber sein Schwiegervater war bereits auf dem Weg zur Tür.
„Na bitte, jetzt sind sie beleidigt!“ rief Julia triumphierend. „Die Wahrheit tut eben weh!“
„Dann sollen sie eben gehen“, sagte Christina und schenkte sich demonstrativ noch einmal Wein nach. „Hier braucht niemand so zu tun, als stamme er aus feinstem Adel. Daniel, du solltest lieber an uns denken, an deine richtige Familie, und nicht an irgendwelche fremden Leute.“
Laura begleitete ihre Eltern bis zur Wohnungstür. In Marias Augen glänzten Tränen, während Simon kein Wort sagte und nur die Kiefer fest aufeinanderpresste.