Aus dem Lautsprecher kam keine Antwort. Die Stille wurde so dicht, dass man sie fast greifen konnte. Dann hörte ich Hannah ihrer Mutter zuflüstern: „Sag, es war für eine Behandlung.“

Jonas, der bis dahin schweigend zugehört hatte, zog das Telefon näher zu sich heran.

— Mama. Wo sind meine dreitausend Euro geblieben?

— Jonas, mein Junge… — begann meine Schwiegermutter ausweichend. — Hannahs Miete für den Salon wurde erhöht, und sie hatte gerade einen Engpass in der Kasse. Wir haben beschlossen, das zu überbrücken, damit ihr Geschäft nicht zusammenbricht. Das ist doch eine Investition in die Zukunft! Ihr verdient gut, ihr bekommt das wieder rein!

— Eine Investition? — Jonas lachte bitter auf und sah auf seine Rechnungen vor sich.

— Wenn hinter meinem Rücken mein Geld in den finanziellen Engpass eines anderen gesteckt wird, nennt man das Diebstahl, Mama.

— Wie wagst du es, so mit deiner Mutter zu reden?! — Stefanie Peters explodierte förmlich.

— Ich schulde euch überhaupt nichts! Dann überschreibe ich eben die Wohnung auf Hannah, per Schenkungsvertrag! Ihr bekommt keinen Cent, wenn ihr so gierig seid!

Da spielte sie ihren größten Trumpf aus. Genau mit dieser Drohung hatte sie die Verwandtschaft seit fünf Jahren in Schach gehalten. Nur hatte sie vergessen, mit wem sie gerade sprach.

— Dann machen Sie die Schenkung ruhig, Stefanie Peters. Von mir aus noch heute, — sagte ich langsam und betonte jedes Wort.

Ich ließ eine kleine Pause, damit der Satz bei ihr ankam.

— Und da ich zufällig im Kreditbereich arbeite, bekommen Sie jetzt noch eine kostenlose Beratung dazu, — fuhr ich ruhig fort. — Eine Vermögensübertragung, während eine erhebliche offene Schuld besteht, ist kein harmloser Familientrick. In Deutschland nennt man so etwas ein Scheingeschäft nach § 117 BGB, und zusätzlich kann es von Gläubigern angefochten werden.

Am anderen Ende der Leitung wurde es plötzlich still. Hannah Hartmann hatte aufgehört zu flüstern.

— Ihre Verbindlichkeit bei der Bank liegt bei rund zwölftausend Euro, — sagte ich weiter, ohne die Stimme zu heben. — Wir stellen die Zahlungen ein. Wenn übermorgen kein Geld eingeht, entsteht der erste Rückstand. Danach kommen Mahngebühren, Verzugszinsen und weitere Kosten. Und nach etwa drei Monaten wird die Bank klagen.

Ich hörte, wie Stefanie Peters scharf Luft holte.

— Die Juristen der Bank werden Ihre Schenkung ohne große Mühe angreifen. Sie werden darlegen, dass Sie versucht haben, die Wohnung dem Zugriff der Gläubiger zu entziehen. Und dann wird diese Wohnung wieder in die Haftungsmasse zurückgeholt.

— Das… das wagen Sie nicht! — krächzte meine Schwiegermutter.

Doch von ihrer früheren Selbstsicherheit war nichts mehr übrig. In ihrer Stimme lag nur noch die nackte Angst eines Menschen, der begriffen hatte, dass fremdes Geld nicht länger als Rettungsleine dienen würde.

— Wir müssen gar nichts wagen, — sagte ich leise. — Das erledigt die Inkassoabteilung ganz von selbst.

Dann setzte ich den letzten Punkt.

— Da Ihre Rente offiziell ausgezahlt wird, kann der Gerichtsvollzieher monatlich bis zu fünfzig Prozent Ihres Einkommens pfänden lassen. Und Hannahs neues Auto kommt ebenfalls unter den Hammer, falls nachweisbar ist, dass es mit Kreditmitteln bezahlt wurde. Das Gesetz ist unbequem, aber es funktioniert.

— Jonas! Sag deiner Frau endlich etwas! — schrie Stefanie Peters verzweifelt.

Jonas Mayer sah mich an. In seinen Augen lag etwas, das ich früher dort nie in dieser Klarheit gesehen hatte: uneingeschränkte Achtung.

— Meine Frau hat alles vollkommen richtig erklärt, Mama, — sagte er hart. — Und solange du und Hannah mir die gestohlenen dreitausend Euro nicht zurückgebt, brauchst du mich nicht mehr anzurufen. Lebt von euren „Investitionen“.

Dann beendete er das Gespräch.

Ohne ein Wort nahm Jonas meine Tasse, ging zur Kaffeemaschine und bereitete mir einen frischen Kaffee zu. Er stellte ihn vor mich hin, küsste mich kurz auf die Stirn und setzte sich wieder an seine Unterlagen.

Ich blickte auf das Display meines Handys. Keine neuen Anrufe. Keine Nachrichten. Kein weiteres Theater.

Die Sache war erledigt. Endgültig. Ohne Tränen, ohne Rechtfertigungen, ohne dieses klebrige, falsche Schuldgefühl, mit dem sie uns jahrelang gefüttert hatten.

Am Ende blieben nur Fakten, Zahlen und das Gesetz.

Und das wirkt erstaunlich zuverlässig, wenn man endlich aufhört, sich davor zu fürchten, es anzuwenden.

Lukas Peters lehnte sich tief in das Sofa zurück, zog genüsslich an seiner Zigarette und blies den Rauch in Richtung des gekippten Fensters. Am Tisch saßen Timo Schäfer und Daniel Weiß, seine Freunde aus Studienzeiten, die er seit gut drei Monaten nicht mehr gesehen hatte. In der Mitte stand eine Flasche Cognac, daneben Teller mit Aufschnitt, Oliven und Käse. Alles war so angerichtet, wie es sich für einen ordentlichen Abend gehörte.