Damals presste sie die Lippen so fest zusammen, dass ihr Mund aussah wie ein Hühnerbürzel. Aber sie wich zurück.

Wenn sie zum Arzt musste, irgendeine Behörde aufzusuchen hatte oder ein Rohr platzte, war ich selbstverständlich da. Und genau diese stahlbetonartige Verlässlichkeit verwandelte meine Schwiegermutter mit der Zeit in eine absolute Pflicht, die ich ihr angeblich schuldete.

Ganz anders behandelte sie dagegen ihre ältere Schwiegertochter Lina Huber. An Lina hatte Maria Friedrich nie etwas auszusetzen.

Lina war ein Mensch wie aus Granit gemeißelt. Erst in der Woche zuvor hatte Maria Friedrich versucht, sie dafür einzuspannen, ein paar Kisten mit Setzlingen zum Wochenendhaus zu bringen.

„Ich habe heute Maniküre und anschließend Yoga“, erklärte Lina, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. „Ich kann Ihnen die Nummer eines Transportdienstes geben. Bezahlen müssten Sie ihn natürlich selbst.“

Damit war das Gespräch beendet, noch bevor es überhaupt richtig begonnen hatte. Und was geschah? Maria Friedrich vergötterte Lina weiterhin.

„Unsere Lina weiß eben, was sie wert ist!“, verkündete meine Schwiegermutter bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit und warf mir dabei bedeutungsvolle Blicke zu. „Eine Frau mit Rückgrat, das sieht man sofort. Die lässt sich nicht in fremden Problemen auflösen. Und du, Johanna Krause… Du hilfst zwar irgendwie, aber bei dir gibt es immer Bedingungen. Eine wirklich gute Schwiegertochter erkennt von allein, wo gewischt, geräumt oder geputzt werden muss. Der muss man so etwas nicht erst sagen.“

„Maria Friedrich“, erwiderte ich in meinem ruhigsten Ton, „das Merkwürdige daran ist: Als vorbildlich bezeichnen Sie ausgerechnet die Schwiegertochter, der Sie sich nicht trauen würden, auch nur einen Wischmopp in die Hand zu drücken. Hilfe und lebenslange Dienstpflicht sind aber zwei sehr unterschiedliche Dinge.“

Sie tat, als hätte sie kein Wort verstanden.

Und nun kam also der Höhepunkt. Sonntag, Familienmittagessen, alle saßen am Tisch. Das Wochenendhaus sollte an Stefan Friedrich gehen, die Grundreinigung dieser kleinen privaten Augiasställe hingegen an mich.

Ich nahm die Liste vorsichtig zwischen zwei Finger, als könne sie abfärben, und las sie noch einmal durch.

• Dachboden ausräumen, auf dem sich offenbar seit Honeckers Zeiten Gerümpel stapelte.
• Alte Möbel sortieren, vermutlich mit bloßen Händen und ohne Widerspruch.
• Das gesamte Haus putzen, zwei Etagen.
• Beete vorbereiten.

Ganz unten stand noch ein Nachtrag: „Handwerker wegen der Kläranlage empfangen.“

Ich legte den Kopf leicht schief und durchbrach die zähe Stille.

„Habe ich die Verteilung richtig verstanden? Das Haus überschreiben Sie Stefan Friedrich. Dort wird Stefan Friedrich später grillen, Gäste einladen und sich erholen. Und ich soll Toiletten schrubben und verfaulte Matratzen vom Dachboden schleppen, weil ich mich angeblich mit Haushaltssachen besser auskenne?“

„Was hat denn das Wochenendhaus damit zu tun?“, empörte sich Maria Friedrich und presste theatralisch beide Hände an die Brust. „Hilfe für die Mutter darf man doch nicht gegen ein Erbe aufrechnen! Eine anständige Schwiegertochter fragt nicht, wer am Ende was bekommt. Sie hilft einfach, weil man Familie ist!“