Allein zwischen Staub, Gerümpel und vergessenen Kisten begriff Stefan ziemlich schnell, dass Schmutz sich nicht einfach durch einen strengen männlichen Blick in Luft auflöste. Das Wochenendhaus entpuppte sich als kleine ökologische Katastrophe, die ich jahrelang still und zuverlässig verhindert hatte.
Bis Sonntagabend kapitulierte er. Schließlich bestellte er Möbelpacker, professionelle Reinigungskräfte und sogar Leute für die Erdarbeiten.
Am Montagabend klingelte mein Telefon.
„Hast du gesehen, was so etwas heute kostet?“, jammerte Maria Friedrich in den Hörer. „Sie haben Stefan dreihundert Euro abgeknöpft, nur für die Entrümpelung und die Reinigung von zwei Etagen! Und Gewächshäuser, Erde und Abwassertank kommen noch extra dazu!“
„Und das alles für Arbeiten, die du früher in zwei Tagen mit einem Lappen erledigt hättest!“, setzte sie empört nach. „War es denn wirklich zu viel verlangt, der Familie ein bisschen unter die Arme zu greifen?“
Ich atmete langsam aus. In mir löste sich etwas, das viel zu lange festgeklemmt hatte.
„Ich habe euch jahrelang geholfen, Maria Friedrich“, sagte ich ruhig. „Aus familiärer Rücksicht. Nur habt ihr mir bei jeder Gelegenheit gezeigt, dass meine Zeit und meine Mühe für euch keinen Wert haben. Jetzt hat genau diese Arbeit eben einen Preis bekommen. Hebt die Rechnungen gut auf.“
Ein paar Tage später kam es zum eigentlichen Schlussstrich. Nicht mit Geschrei, nicht mit Tränen, nicht mit zerbrochenem Geschirr. Es war eher wie eine nüchterne Abrechnung, trocken und endgültig.
Markus Roth fuhr zu seiner Mutter, weil er dort ein paar Werkzeuge abholen wollte. Im Flur standen bereits Stefan Friedrich und Lina Huber herum. Maria Friedrich hielt sich nicht einmal zurück, obwohl ihr ältester Sohn danebenstand, sondern beklagte sich lautstark über mich.
„Deine Johanna Krause hat mich im Stich gelassen!“, rief sie. „Wegen eines Stückchens Land! So berechnend ist sie geworden!“
Markus, der an diesem Morgen ganz bewusst unsere Unterlagen in seine Jackentasche gesteckt hatte, sagte zunächst kein Wort. Dann zog er aus dem Innenfach einen dicken Umschlag hervor. Er legte ihn auf die kleine Kommode und breitete vor seiner Mutter sorgfältig gefaltete Quittungen, Belege und Notizen aus dem letzten Jahr aus.
„Das hier sind die Apothekenrechnungen für deine Medikamente“, begann er. „Das sind die Handwerkerrechnungen, nachdem Johanna die Installateure organisiert hatte. Hier sind die Lieferbelege für Lebensmittel, als draußen Glatteis war. Und das hier sind die Termine für Untersuchungen, um die sie sich wochenlang bemüht hat.“
Seine Stimme blieb ruhig, aber jedes Wort fiel schwer auf den Boden, als würde eine Walze darüberfahren. Dann wandte er sich an Stefan, der plötzlich mit größter Aufmerksamkeit das Muster der Tapete betrachtete.
„Stefan“, sagte Markus. „Nenn mir bitte den Tag, an dem du Mutter zuletzt zur Arztpraxis gefahren hast. Oder ihr ein Blutdruckmessgerät gekauft hast.“
Stefan schwieg.
„Sie hat niemanden im Stich gelassen, Maria Friedrich“, bemerkte Lina Huber kühl, während sie sich die Handschuhe überstreifte. „Sie hat nur aufgehört, für alle anderen das zu erledigen, wofür ihr sie anschließend noch verachtet habt. Komm, Stefan. Morgen musst du die Arbeiter wegen des Abwassertanks empfangen.“
Maria Friedrich starrte auf den Stapel Papier auf der Kommode. Zum ersten Mal in ihrem Leben schien ihr aufzugehen, dass Fürsorge kein kostenloses Zubehör zum Status einer Schwiegermutter ist. Sie kostet Zeit, Geld und Nerven. Und genau diese Quelle war ihr soeben abgedreht worden.
Meiner Schwiegermutter gelingt es bis heute, Lina Huber warm anzulächeln, obwohl Lina weiterhin keinen Finger für sie krumm macht.
Stefan knirscht mit den Zähnen und verbringt seine freien Tage damit, Handwerker zu bezahlen und durch Baumärkte zu fahren.
Und ich? Ich komme nur noch an Feiertagen vorbei. Ich lächle, bringe Blumen mit und bleibe höflich.
Wenn Maria Friedrich dann vorsichtig erwähnt, die Fenster seien nach dem Winter ziemlich staubig, reiche ich ihr mit tadellosem Lächeln die Visitenkarte eines Reinigungsdienstes.
Zwanzig Jahre lang war sie überzeugt, meine Arbeit koste nichts. In Wahrheit hatte sie nur nie die Rechnung gesehen.