Mein Name tauchte nirgends auf.
Ich saß in der dritten Reihe. Der Geschäftsführer nickte zustimmend. Der Finanzchef machte Notizen in sein Heft. Christian sprach souverän, setzte Gesten ein, lächelte an den richtigen Stellen, legte Pausen ein, als hätte er wochenlang geprobt. Bei jeder Handbewegung blitzte der Ring an seinem kleinen Finger auf.
Das sind meine Folien. Meine Zahlen. Meine drei Wochen. Meine Nächte ohne Schlaf.
Nach der Sitzung schüttelte der Geschäftsführer ihm die Hand.
„Christian, hervorragende Arbeit. Man merkt, dass du nah an den Themen bist.“
„Wir geben uns Mühe“, erwiderte Christian und lächelte.
Ich wartete, bis der Raum leer war. Im Flur wurde es still. Es roch nach Kaffee und fremdem Rasierwasser. Dann ging ich zu ihm. Unter meinem Absatz knarrte das Linoleum.
„Herr Lehmann. Das war meine Präsentation.“
Er sah mich an. Zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich direkt. Nicht über meine Schulter hinweg, nicht durch mich hindurch. Geradewegs in die Augen.
„Hannah, das war Teamarbeit. Wir sind hier alle ein Team. Man muss nicht alles aufrechnen.“
„Mein Name stand nicht einmal dabei.“
„Weil das hier eine Abteilung ist und keine Solonummer.“ Seine Stimme wurde härter, sein Blick glitt schon wieder an mir vorbei. „Ich bin der Leiter. Ich vertrete die Arbeit der Abteilung nach außen. Sie gehören zu dieser Abteilung. Seien Sie lieber froh, dass ich Ihr Material überhaupt verwendet habe. Ich hätte es auch selbst ausarbeiten können.“
Seien Sie froh.
Schon wieder.
Etwas Warmes, Schweres stieg mir in die Kehle. Keine Tränen. Die hatte ich mir im Büro längst abgewöhnt. Es war eher eine Stille. Diese besondere Stille, die entsteht, wenn eine Entscheidung längst gefallen ist, obwohl man sie noch nicht ausgesprochen hat.
Den Bonus zum Halbjahr bekam ich nie. Keinen einzigen Euro. Als ich danach fragte, winkte Christian nur ab. „Von oben wurde das Budget gekürzt. Im nächsten Quartal schauen wir weiter.“
Im nächsten Quartal. Wieder dieses Später. Noch ein Irgendwann. Wie viele solcher Vertröstungen sich in vier Jahren angesammelt hatten, zählte ich schon lange nicht mehr.
Ich fragte kein zweites Mal.
Am Abend zu Hause nahm ich mein Telefon und wählte die Nummer der kaufmännischen Direktorin von Renova-Trade.
„Frau Köhler? Hier ist Hannah Lang. Ich bin bereit.“
„Das freut mich zu hören. Wann können Sie anfangen?“
„In zwei Wochen. Ich muss noch meine Kündigungsfrist erfüllen.“
Ich legte auf und blieb am Fenster stehen. Hinter der Scheibe lag der Hof, die Schaukel, eine Laterne mit schwacher Birne. Ein gewöhnlicher Frühlingsabend. Und Stille. Dieselbe Stille wie zuvor, nur anders. Nicht bedrohlich. Friedlich.
Meine Kündigung schrieb ich an einem Freitag. Mit der Hand, auf ein weißes Blatt Papier. Die Buchstaben waren gerade; meine Hand zitterte nicht. Die Tinte trocknete rasch, im Büro war die Luft wie immer viel zu trocken.
Um halb neun legte ich das Schreiben auf Christians Schreibtisch, noch vor der kurzen Morgenrunde. Er kam um neun, bemerkte das Blatt, nahm es hoch und las. Dann setzte er sich.