— Ja.
Eine Pause.
Dann:
— Jetzt?
Wieder Schweigen. Sein Blick schnellte zu Hannah.
— Verstanden.
Er beendete das Gespräch.
Hannah überlief ein seltsamer Frost.
— Was ist passiert?
Lukas steckte das Telefon ein.
— Wir müssen gehen.
— Wir?
— Ja.
Alexander stieß trotz allem ein heiseres Lachen aus.
— Sieh an. Der König erteilt Befehle.
Lukas ignorierte ihn. Hannah tat es nicht.
— Warum sollen wir gehen? fragte sie.
Lukas sah zu den dunklen Gärten jenseits der Terrasse.
— Weil gerade ein Foto ins Netz gestellt wurde, auf dem wir gemeinsam hier ankommen.
Hannah zog die Brauen zusammen.
— Und?
— Und jemand hat Ihren Namen mit meinem verknüpft.
Ihr Puls beschleunigte sich.
— Was bedeutet das?
Bevor Lukas antworten konnte, erschien am anderen Ende der Terrasse sein Fahrer. Von seiner früheren Gelassenheit war nichts mehr übrig.
— Señor, sagte der Fahrer. Sie stehen am Haupttor.
— Wer? fragte Hannah.
Lukas’ Hand legte sich sanft an ihren Rücken und lenkte sie zur seitlichen Treppe. Seine Stimme wurde leiser.
— Die Leute, die nach meiner Frau gesucht haben.
Hannah blieb stehen. Ihr Blut schien in den Adern zu gefrieren.
— Nach deiner was?
Lukas sah sie an, und in den Augen dieses undurchschaubaren Mannes zeigte sich zum ersten Mal etwas, das wie Bedauern wirkte.
— Nach meiner Frau, wiederholte er. Nach der Frau, die vor drei Jahren verschwunden ist.
Hinter Hannah schnappte Laura hörbar nach Luft. Alexander murmelte einen Fluch.
Von der Vorderseite des Anwesens drangen plötzlich Rufe herüber, das Zuschlagen von Autotüren und das grelle Aufblitzen von Kameras hinter dem Tor.
Lukas’ Finger schlossen sich fester um Hannahs Hand.
Und in diesem Augenblick begriff Hannah das Schrecklichste dieses ganzen Abends.
Sie war nicht einfach mit einem Mann zur Hochzeit ihrer Schwester gekommen, vor dem alle Angst hatten.
Sie war mit einem Mann gekommen, dessen Geheimnisse weit dunkler waren als sein Ruf.
TEIL 3
Der Mann im blauen Anzug schluckte so heftig, dass Hannah es sogar durch den sanften Jazz hörte, der sich in der Hotelbar ausbreitete.
— S-Señor Alcázar, stammelte er. Von der Überheblichkeit, die seinen Mund noch vor wenigen Sekunden verzogen hatte, war nichts mehr übrig. Ich habe nicht verstanden…
— Natürlich haben Sie das nicht, sagte Lukas und trat einen Schritt näher. Menschen wie Sie beurteilen andere nur dann, wenn sie glauben, dass niemand von Bedeutung zusieht.
Hannah saß wie festgewachsen da und umklammerte mit den Fingern ihr unberührtes Glas Mezcal.
Der Fremde neben ihr war groß, breitschultrig und von einer geradezu unerschütterlichen Ruhe. Dunkles Haar, nach hinten gekämmt. Eine scharfe Kieferlinie. Ein Gesicht, das nichts preisgab. Kein Lächeln. Keine Wut. Nur eine stille Autorität, unter der der ganze Raum kleiner zu werden schien.
Der Mann im blauen Anzug wandte sich Hannah zu. Sein Gesicht war dunkelrot.
— Ich bitte um Entschuldigung, brachte er hastig hervor. Ich bin zu weit gegangen.
Lukas ließ ihn nicht aus den Augen.
— Noch einmal.
Der Mann blinzelte.
Lukas neigte kaum merklich den Kopf.
— Diesmal so, als täte es Ihnen wirklich leid.