Die Schultern des Mannes sanken.
— Verzeihen Sie mir, Señorita, sagte er nun leiser. Was ich gesagt habe, war grausam und respektlos. Sie haben das nicht verdient.
Hannahs Kehle zog sich zusammen.
Nicht wegen der Entschuldigung.
Sondern weil sich zum ersten Mal seit einem ganzen Jahr jemand zwischen sie und eine Erniedrigung gestellt hatte, ohne von ihr zu verlangen, leiser, kleiner oder angenehmer für die Liebe eines anderen zu sein.
Sie nickte kaum sichtbar.
Der Mann verschwand sofort und floh in den hinteren Teil der Bar.
Lukas sah Hannah an.
— Darf ich mich setzen?
Beinahe hätte sie vor ungläubigem Staunen gelacht.
— Gibt es überhaupt jemanden, der Ihnen etwas abschlägt?
Ein Hauch von Lächeln berührte seine Lippen.
— Selten. Aber ich bevorzuge es, wenn es ehrlich geschieht.
Hannah musterte ihn aufmerksam.
— Dann ehrlich… ich weiß es nicht.
— Das ist fair.
Er blieb stehen.
Ausgerechnet das ließ etwas in ihr weicher werden.
Nach einem Moment deutete sie auf den Stuhl.
Lukas setzte sich ihr gegenüber. Er bewegte sich mit jener ruhigen Präzision von Menschen, die niemals Kraft verschwenden. Sein Blick fiel auf den cremefarbenen Umschlag auf dem Tisch.
— Eine Hochzeitseinladung?
Hannah wollte sie sofort wegschieben, doch ihr Stolz hielt ihre Hand zurück.
— Von meiner Schwester.
— Soll man gratulieren?
Ihr Mund verzog sich.
— Ihr vielleicht.
Lukas ließ den Blick über die goldenen Buchstaben gleiten. Dann veränderte sich sein Ausdruck.
Nicht stark. Aber genug.
Das kaum erkennbare Lächeln verschwand.
— Sie sind Hannah Salgado, sagte er.
In ihr zog sich alles zusammen.
— Kennen wir uns?
— Nein.
— Woher wissen Sie dann meinen Namen?
Lukas tippte leicht mit einem Finger auf die Einladung.
— Weil Ihre Schwester Alexander Ledesma heiratet.
Aus seinem Mund klang dieser Name anders. Kälter. Schärfer.
Hannah lehnte sich zurück.
— Sie kennen Alexander?
— Ausreichend.
— Das klingt bedrohlich.
— Das soll es auch.
Ein kalter Schauer lief ihr über die Haut.
Sie hätte gehen sollen. Ihre Handtasche nehmen, nach Hause fahren und diesen gefährlichen Mann vergessen, bei dessen bloßem Namen mächtige Leute offenbar zu zittern begannen.
Stattdessen fragte sie:
— Was bedeutet das?
Lukas sah sie lange an.
Dann sagte er:
— Es bedeutet, dass Ihre Schwester keinen Mann heiratet. Sie heiratet eine Lüge.
Hannahs Puls wurde schneller.
Das Licht der Bar spiegelte sich im Mezcal und verwandelte die bernsteinfarbene Flüssigkeit in Feuer.
— Alexander hat mich mit ihr betrogen, sagte sie bitter. Wenn das die Lüge ist, dann weiß ich bereits davon.
— Nein, erwiderte Lukas. Das war nur eine Beleidigung. Die Lüge ist wesentlich größer.
Bevor Hannah weiterfragen konnte, trat eine Frau in schwarzem Anzug zu Lukas und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sein Gesicht blieb reglos, doch sein Blick wurde härter.
Er stand auf.
— Ich muss gehen.
Vor Enttäuschung zog sich Hannahs Brust zusammen.
— Man kann einem Menschen nicht so etwas hinwerfen und dann einfach verschwinden.
— Doch, das kann man.
— Natürlich können Sie das, — fuhr sie ihn an. — Sie sind schließlich Lukas Alcasar. Vor Ihnen haben doch alle panische Angst.