Er sah sie an, und zum ersten Mal lag in seinem Blick etwas, das beinahe menschlich wirkte.
— Sie auch?
Hannah dachte an Alexander. An seine Stimme, als er sie „nicht vorzeigbar“ genannt hatte. An Lauras Lächeln über dem Kaffeebecher. An ihre Mutter, die ihr geraten hatte, das Ganze möglichst schnell zu vergessen.
Sie hob das Kinn.
— Nein.
In Lukas’ Augen erschien für einen winzigen Moment ein wärmerer Schimmer.
Er griff in die Innentasche seines Jacketts, zog eine schwarze Visitenkarte hervor und legte sie neben ihr Glas auf den Tisch.
— Gut, — sagte er ruhig. — Dann rufen Sie mich an, sobald Sie genug davon haben, dass andere Menschen das Ende Ihrer Geschichte schreiben.
Danach ging er.
Hannah blieb allein zurück und starrte auf die Karte.
Keine Position stand darauf.
Kein Firmenname.
Nur eine Telefonnummer, in Silber eingeprägt.
Darunter, ebenso schlicht, zwei Worte:
Lukas Alcasar.
Drei Tage lang rief sie nicht an.
Sie redete sich ein, Männer mit Macht würden niemals aus reiner Großzügigkeit helfen. Sie redete sich ein, Rache sei unter ihrer Würde. Es werde reichen, bei dieser Hochzeit mit geradem Rücken zu erscheinen und nicht zusammenzubrechen.
Dann meldete sich ihre Mutter.
— Hannah, — begann Maria mit jener zuckersüßen Stimme, die stets ankündigte, dass gleich Gift serviert werden würde, — Laura hat mich gebeten, dir auszurichten, dass du zur Hochzeit bitte etwas Zurückhaltendes trägst. Nichts zu Enges. Sie möchte nicht, dass sich die Gäste unwohl fühlen.
Hannah schloss die Augen.
— Da ist es also, — murmelte sie.
— Was?
— Nichts, Mama.
— Und bitte komm nicht allein und mit diesem unglücklichen Gesichtsausdruck. Sonst denken die Leute noch, du hängst immer noch an Alexander.
Etwas in Hannah wurde vollkommen still.
Ihr Blick glitt zu der schwarzen Karte, die seit Tagen auf der Küchenarbeitsplatte lag.
Für einen Augenblick sah sie sich selbst so, wie die anderen sie offenbar haben wollten: leise, verletzt, dankbar für jedes Krümelchen Würde, das man ihr noch ließ.
Dann griff sie zum Telefon.
Lukas nahm nach dem zweiten Klingeln ab.
— Hannah.
Sie holte Luft.
— Sie sagten, ich soll anrufen, wenn ich müde bin.
— Und?
Ihre Stimme blieb fest.
— Ich bin müde.
Einen Moment lang herrschte Schweigen.
Dann sagte Lukas:
— Tragen Sie Rot zur Hochzeit.
Hannah blinzelte.
— Was?
— Rot. Nicht Schwarz. Nicht Beige. Nichts, das sich für seine eigene Existenz entschuldigt.
Trotz allem zuckte beinahe ein Lächeln um ihre Lippen.
— Und Sie?
— Ich werde dort sein.
— In welcher Rolle?
Diesmal hörte sie das Lächeln in seiner Stimme.
— Als der Mann, den man ihnen allen dringend geraten hat, nicht einzuladen.
Teil 4 — Das rote Kleid, das dreihundert Gäste verstummen ließ
Der Tag von Lauras Hochzeit brach in strahlendem Licht an — und mit einer Grausamkeit, die fast glänzte.
Das Anwesen am See lag unter einem vollkommen blauen Himmel. Auf einem Hügel erhob sich das weitläufige Landgut, umgeben von gepflegten Gärten, weißen Rosen, Springbrunnen und gepflasterten Wegen, auf denen die Gäste posierten, als befänden sie sich mitten in einer Modestrecke.