Hannah traf genau in dem Moment ein, als die Musiker zu spielen begannen.

Langsam stieg sie aus dem schwarzen Geländewagen.

Das rote Kleid war alles andere als bescheiden.

Es war elegant, tailliert und unmöglich zu übersehen. Der Seidenstoff schmiegte sich an ihre Figur wie eine Flamme, ihr Haar fiel in weichen Wellen über eine Schulter, und ihre Lippen hatten die Farbe reifer Kirschen. An ihr war keine Spur von Scham. Keine Entschuldigung. Kein Versuch, kleiner zu wirken.

Für einen eingefrorenen Herzschlag schien der gesamte Innenhof vergessen zu haben, wie man atmete.

Ihre Cousine Amelie bemerkte sie als Erste.

— Hannah? — entfuhr es ihr.

Das Flüstern breitete sich aus wie ein Windstoß.

— Sie ist wirklich gekommen.

— Mein Gott, sie sieht unglaublich aus.

— Ist das tatsächlich Hannah?

Hannah ging allein weiter und spürte jeden einzelnen Blick wie eine Berührung auf ihrer Haut.

Dann öffnete sich die zweite Tür des Geländewagens.

Und Lukas Alcasar stieg aus.

Das Flüstern verstummte nicht einfach.

Es starb.

Männer richteten sich unwillkürlich auf. Frauen starrten ihn an. Kellner blieben mit Tabletts in den Händen stehen. Irgendwo nahe dem Eingang ließ einer von Alexanders Geschäftspartnern sein Champagnerglas auf den Kies fallen.

Lukas trug einen dunkelgrauen Anzug ohne Krawatte, und seine Miene war so gelassen, dass sie vermutlich mehreren einflussreichen Herren gleichzeitig den Blutdruck in die Höhe trieb.

Er bot Hannah seinen Arm an.

Nur eine Sekunde lang zögerte sie, dann legte sie ihre Hand darauf.

Die Wärme seiner Handfläche legte sich über ihre Finger.

— Bereit? — fragte er leise.

— Nein.

— Gut. Angst schärft die Aufmerksamkeit.

Sie warf ihm einen Seitenblick zu.

— Soll mich das beruhigen?

— Nein. Aber Sie sehen viel zu großartig aus, um Trost zu brauchen.

Hannahs Herz machte einen verräterischen, völlig unvernünftigen Sprung.

Dann betraten sie gemeinsam den Hof.

Am Ende des Gartens, unter einem Bogen aus weißen Rosen, stand Laura in ihrem Brautkleid.

Sie war schön. Zart. Strahlend. Genau die Art Frau, von der Alexander gesagt hatte, sie „passe zu seinem Bild nach außen“.

Doch als Laura Hannah sah, geriet ihr Lächeln ins Wanken.

Und als sie Lukas erkannte, verschwand es ganz.

Alexander drehte sich um, folgte Lauras Blick — und die Farbe wich so schnell aus seinem Gesicht, dass es fast wie einstudiert wirkte.

Maria eilte auf sie zu; die Perlen an ihrem Hals hüpften bei jedem ihrer hastigen Schritte.

— Hannah, — zischte sie und küsste die Luft neben der Wange ihrer Tochter. — Was soll das?

— Ich bin anwesend, — antwortete Hannah honigsüß. — Du hast doch so darauf bestanden.

Marias Augen zuckten zu Lukas.

— Und das ist…?

Lukas streckte die Hand aus.

— Lukas Alcasar.

Maria nahm seine Hand nicht sofort. Sie betrachtete sie, als hielte man ihr eine Schlange hin.

Erst nach einem viel zu langen Moment berührte sie seine Finger mit ihren.

— Natürlich, — flüsterte sie. — Wir wissen, wer Sie sind.

— Davon bin ich ausgegangen.

Die Worte waren höflich.

Der Tonfall nicht.

Laura kam näher und raffte mit bebenden Händen den Saum ihres Kleides.