Am nächsten Tag tauchte die Schwiegermutter wieder auf. Mit Einkaufstaschen, Gläsern voller eingelegtem Gemüse und einer Plastikdose unter dem Arm.

— Ich habe schon mal Vorräte mitgebracht, — verkündete sie und begann in der Küche, ihre Gläser breitbeinig wie eine Hausherrin zu verteilen, wobei sie Emilias Sachen zur Seite schob. — Für so eine ganze Bande muss man vorbereitet sein. Alexander hat gesagt, ihr seid euch einig?

— Wir sind uns über gar nichts einig, — erwiderte Emilia.

— Wie bitte? — Maria Winter fuhr herum. — Hast du jetzt völlig den Sinn für Ordnung verloren? Wenn der Mann entschieden hat, dann ist entschieden. Hannah Hermann packt die Kinder schon zusammen. Die Fahrkarten sind gekauft!

— Fahrkarten wofür? Nach Kiel fährt man mit dem Regionalzug für ein paar Euro.

— Häng dich nicht an Kleinigkeiten auf! — Maria Winter wurde lauter. — Man meint es doch gut mit dir. Ihr wärt alle zusammen, wie eine normale Familie!

— Welche Familie, Maria Winter? Hannah Hermann und ihr Mann Benedikt Wolf sind eine Familie. Ihre Kinder gehören zu ihnen.

Maria Winter stieß nur ein empörtes „Ach“ aus.

— Tu nicht so, als wärst du die Einzige mit Verstand! — Maria Winter warf die Hände in die Luft; der Ring an ihrem Finger blitzte auf. — Kaum hat sie eine Ausbildung, hält sie sich für etwas Besseres, die Buchhalterin! Jonas Friedrich ist Alexanders Fleisch und Blut. Und wenn ein Vater seinen Sohn mitnimmt, dann nimmt er dessen Brüder eben auch mit. So macht man das unter anständigen Menschen!

— Jonas Friedrich, ja, — Emilia Lange nickte knapp. — Aber Benedikt Wolfs zwei Kinder nicht.

Alexander Kraus stand im Türrahmen und betrachtete den Rahmen der Tür mit einer Gründlichkeit, als stünde dort die Antwort auf alle Fragen eingeritzt. Der Mann, der gestern noch heldenhaft Angelschnüre sortiert hatte, gab sich heute größte Mühe, so auszusehen, als sei er nur zufällig hereingeschneit und habe mit der Sache überhaupt nichts zu tun.

— Jetzt hör endlich auf mit deinem Benedikt Wolf hier, Benedikt Wolf da! — Maria Winter geriet nun endgültig in Fahrt. — Sparst du etwa am Essen für Kinder? Für den Sommer nehmen wir zwei mehr mit, na und? Bricht dir ein Teller aus dem Schrank? Da sieht man deine wahre Art! Deinen eigenen Finn Mayer würdest du am liebsten wegschicken, nur damit kein fremdes Kind einen Platz bekommt!

Emilia stellte ihre Tasse sehr ruhig auf den Tisch.

— Meinen Finn Mayer, — sagte sie langsam und deutlich, — wollten Sie wegschicken. Nicht ich.

Für einen Augenblick lag Stille in der Küche.

Dann ging Emilia ins Zimmer hinüber, zog aus der Kommode eine Mappe hervor und kam zurück. Sie setzte sich wieder an den Tisch und legte ihr Handy daneben; auf dem Display war bereits der Taschenrechner geöffnet.

— Dann rechnen wir doch einmal, Maria Winter. Wenn Sie schon von Familie und von Recht sprechen.

— Was gibt es denn da zu rechnen? — Die Schwiegermutter wurde misstrauisch.

— Nach deutschem Familienrecht sind Eltern verpflichtet, für ihre minderjährigen Kinder zu sorgen. Für ihre eigenen Kinder. Jonas Friedrich ist Alexanders Sohn, also ist Alexander ihm gegenüber unterhaltspflichtig. Damit bin ich einverstanden, Jonas Friedrich nehme ich gern mit.